Unglaubliche Reisen in verrückten Flugzeugen
30. Dezember 2009
Der britische (und mittlerweile durch naturalisation auch us-amerikanische) Autor Christopher Hitchens stellt auf slate.com die beiden entscheidenden Fragen nach dem vereiteltem Anschlag von Detroit: Warum werden alle Passagiere bestraft, aber keiner im US-Sicherheitsapparat? Der hat vor und nach dem 11. September 2001 immer wieder seine völlige Inkompetenz bewiesen. Konsequenzen für die Verantwortlichen: gar keine. Dafür werden nun Nacktscanner aufgebaut.
Pop im Hirn
14. Dezember 2009
Eine nicht mehr taufrische, dafür sehr aufschlussreiche Gesprächsrunde findet sich auf debug.de. Es geht um das etwas eklige Thema Pop. Überraschend bzw logisch, dass nicht Christoph Gurk von der Spex, Autor Rainald Goetz oder Rene Walter vom Blog Nerdcore die sinnvollsten Beiträge zum “Roundtable” liefern. Sondern Techno-DJ Tanith. Er macht mehrfach klar, dass die Grundfrage des Gesprächs (“Ist dem Pop nachher die Agenda abhanden kommen?”) schonmal falsch ist. There is no agenda. Pop ist Pose und macht im Idealfall Spaß. Nur die feigen unter der Hedonisten verbrämen das als “Agenda”.
Tanith, offenbar der einzige Praktiker am runden Tisch, erinnert die Teilnehmer daran, dass es ums Musikmachen bzw. hören geht und alles andere daneben etwas lächerlich wirkt. So fand er es “schon immer scheiße, wenn Intellektuelle sich der Musik bemächtigen” wolten und sie sich einfach unter den Nagel rissen. Und in Richtung Diedrich Diederichsen & Co. kommt eine klare Ansage, die ich mir öfter mal im Feuilleton gewünscht hätte, anstatt “Poptheoretiker” bewundernd und unkritisch beim Hülsenspeien zu begleiten, statt zu schreien, dass der Poptheoriekaiser keine Kleider trägt. Tanith tut es:
“Das ist schöne Hirnwichse, aber hat doch mit Musik nichts zu tun.”
Über Musik zu schreiben ist schön. Über Musik zu reden ist social. Aber mit Musik die Welt erklären zu wollen ist, nunja, “Hirnwichse” eben.
Dennoch ist das Gespräch sehr unterhaltsam, es ist sehr angenehm, mit den vieren am Tisch zu sitzen. Danke an die De:Bug dafür, dass sie diese Runde zusammen gebracht hat. Und wenn das ein oder andere Bonmot dabei rumkommt, ist das ja auch was wert. (“Goetz: Der Westbam hat immer gesagt: Nach Frankreich fahre ich nicht mehr, weil die mich nur buchen, um mich vollzuquatschen.”)
Der Versuch der Anderen, Tanith einzureden, dass Techno mehr als Musik sei, ist typisch für die Sinnsucher, die zwischen den Bassboxen unterwegs sind. Es gab nur zwei subversive Jugendkulturen, und das waren Hip-Hop und Punk. Alles andere ist nur: Pop.
Immer auf der Suche nach dem “fringe”
14. Dezember 2009
Wenn euch Nerds das ganze Pop-Ding dann doch zu abgehoben ist, empfehle ich den Artikel zum Thema “Wunderwaffen”. Der beschäftigt sich mit einem Buch des britischen Journalisten Jon Ronson, dessen Gesamtwerk ich nur empfehlen kann. Er beschäftigt sich in seinen Büchern und Dokus hauptsächlich mit dem lunatic fringe, jenem Zirkel US-amerikanischer Verschwörungsfreaks, deren Anzahl auf der anderen Seite des Atlantiks nicht zu unterschätzen ist. Das ist genau nach meinem Geschmack: Nichts macht mehr Spaß, als Anderen beim Spinnen – und dem Foucaultschen Pendel beim Schwingen – zuzusehen. Sie bringen alles mit allem und nichts mit nichts in Verbindung – und können verdammt gefährlich werden, schließlich war auch Timothy McVeigh Teil des fringe und von seinen Schreibern und Radiomoderatoren beeinflusst - das ist die weniger unterhaltsame Seite des Ganzen. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.
Ronson jedenfalls lieferte die Non-fiction-Vorlage für “Men who stare at goats” und besuchte eine Reihe von amerikanischen Verschwörungstheoretikern – inklusive des bizarren Versuchs mit dem Radiomoderator Alex Jones (der im Übrigen ein Rechtsradikaler ist – lasst euch nichts anderes Erzählen) in die Bilderberg-”Konferenz”(oder sollte ich sagen “Frat-Boy-Wochenende”?) einzubrechen.
Deutsche Hörer!
8. Dezember 2009
Radio im Internet kann die Musikversorgung jedes Users sicherstellen und sollte eigentlich auch jede weitere Diskussion um legale und illegale Downloads beenden: Wozu saugen, wenn es so verdammt gute Sender gibt, die einen konstant mit neuem Sound versorgen? Die gute Musik liegt sozusagen auf der Straße, man muss sie eben suchen. Wer hätte gedacht, dass ich von ausgerechnet bei einem öffentlich-rechtlichen Programm hängenbleibe. Versteht sich von selbst, dass ich von keinem deutschen Sender schreibe. BBC Radio 1 wird direkt aus London gestreamt und sendet Shows, von denen man hierzulande nur träumen kann: Vor allem die von Zane Lowe und Gilles Peterson.
Zane Lowe begegnete mit jahrelang auf Liedern, die aus dem Dunkel des Internet auf irgendwelchen Rechnern gelandet waren: Oft wurden Songs mit dem bedeutungsschwangeren, mit britischem Akzent gesprochenen Jingle “It`s Zane Lowe” begonnen oder beendet. Heute weiß ich, dass der geborene Neuseeländer Lowe – mittlerweile seit über zehn Jahren im Geschäft – einer der beliebtesten Radiomoderatoren Englands ist. In seiner Sendung (Montag-Donnerstag 20-22 Uhr Kontinentalzeit) stellt er Neuerscheinungen vor – von britischem Dubstep über Pop bis hin zu amerikanischem Neo-Indie-Folk ist alles dabei. Das Ganze ist launig moderiert und abgesehen vom gelegentlichen Aufblitzen von Lowe´s Vorliebe für üblen Ami-College-Rock (der hirnrissigerweise immer noch als “Punk” verkauft wird. Billie Joe Armstrong, ich sehe in deine Richtung ) wirklich hörenswert, oft gibt es auch exklusives zu hören, Lowe ist schließlich in England und Neuseeland selbst so etwas wie ein Popstar und sitzt deshalb näher an den Quellen als der Alan-Partridge-Durchschnittsmoderator. Seine Angewohnheit, sich mit seinen Co-Moderatoren über die jeweils aktuellen Folgen diverser Reality-Shows zu unterhalten, muss man wohl unter “britische Kultur” abhaken und ignorieren.
Noch viel weniger satthören kann man sich an Gilles Petersons Sendung (Mittwoch, 2-4 Uhr nachts). Peterson ist ein echter Goldgräber, Plattensammler, Musiknerd, was der Qualität seiner Sendung nur gut tut. Funk, Rap, alter und neuer Jazz, Afro, Soul und Brasil, kurz:alles was bei uns unter dem ekligen Label “Black Music” läuft. Nur weil weiße Jungs (den Autor dieser Zeilen eingeschlossen) spastisch tanzen, hat Musik noch lange keine Hautfarbe. Peterson ist kein bildungsbürgerlicher Plattenspießer, sondern hat selbst für ein paar Zeilen Gangster-Rap Platz in der Sendung: Nur durch ihn bin ich auf das unverschämt gute “Something that I like” von Ryan Leslie mit Pusha T von The Clipse gestoßen.
Das Gilles Peterson das ganze unaufgeregt mit einem angenehmen Londoner Zungenschlag moderiert, macht die Sendung noch angenehmer. Jedes Jahr im Juli veranstaltet er das “Worldwide Festival” in Südfrankreich: Mit exquisiter Musik, Hörer der Senudng können sich online Künstler wünschen, die sie im Amphitheater am Strand von Sete live sehen wollen. ich überlege mir schwer, 2010 hinzufahren.
Fazit: Deutsches Öffentlich-Rechtliches Radio kann mit BBC 1 nicht mithalten – trotz Zündfunk und Co. Und wer ab und zu mal bei Zane Lowe oder Gilles Peterson reinhört, führt außerdem eine Tradition fort. Schließlich haben die Aufrechten hierzulande schon immer BBC gehört. Notfalls im Keller oder unter der Bettdecke.
That’s what she said!
8. Dezember 2009
Erstens ist es verdammt komisch, und zweitens fasst es die Genialität des Charakters Michael Scott aus der US-Adaption von Ricky Gervais’ “The Office” perfekt zusammen, die mittlerweile in der sechsten Staffel bei NBC läuft: Ein Zusammenschnitt aller “That’s what she said” von Michael Scott.
So leid es mir für den großartigen Gervais tut: Das amerikanische “Office” gefällt mir besser, bietet es doch mit dem american dream, der amerikanischen Hemdsärmligkeit im Berufsalltag (die Michael als tatsächliche “Familienatmosphäre” fehldeutet und viel zu weit treibt) und den delikaten Beziehungen zwischen den Hautfarben viel mehr Vorlagen für schmerzhaft-komische cringe-Situationen als das britische Original.
Michael (gespielt von Steve Carrell) hat etwas Grundsätzliches nicht begriffen: Er denkt, etwas Witziges zu tun ist wichtiger als das Richtige zu tun. Beziehungen zu anderen Menschen interessieren ihn nur unter ihrem Entertainment-Wert – was bei Michael bedeutet, dass er den anderen krampfhaft und ununterbrochen unterhalten muss. “That’s what she said”, als Reaktion auf vermeintlich zweideutige Äußerungen des Gegenübers a la ” Wow, that’s big” oder “I am very happy” ist eigentlich einer der Sprüche aus den Achtzigern, die besser auch dort geblieben wären. Aber Michael Scott wäre nicht Michael Scott, wenn er die nervige Angewohnheit nicht aus seiner Jugend importieren würde – die er für sich selbst und den Zuschauer bzw. das Mockumentary-Kamerateam, das ihn im Serienalltag begleitet, als Phase extremsten Draufgängertums verklärt. Mehr noch, er pervertiert den Joke dadurch, dass er ihn zwanghaft anwendet. Ein Zwang, hinter dem bei Michael nichts als die blanke Angst steht, nicht wahrgenommen bzw. geliebt zu werden.
Unglaublich die Szene, in der Jim es schafft, Michael, der von seiner Chefin Jenn Sprech- und Zotenverbot erhalten hat, mit zwei Äußerungen zu einem explosiven, unkontrollierten “That’s what she said” zu provozieren. Auch beim Essen mit Kollegen hat er nichts besseres zu tun, als nach einer rein beruflichen Äußerung Jenns der Kamera durch Augenrollen und dämliches Grinsen ein “That’s what she said” zuzugrimassieren. Michael Scott ist eine große tragische Figur: Für immer gefangen in der Rolle des Clowns. Steve, hör bitte nicht auf! – That’s what she said!
