Betrifft: Hrn. Sarrazin
29. August 2010
Grundsätzlich sollte ein Deutscher, der einen Satz mit “Alle Juden …” beginnt, diesen nicht zu Ende sprechen. Bevor der Sturm wegen Thilo Sarrazins Äußerungen über “jüdische Gene” aber vollends hochkocht, sollte man kurz wissen, worum es geht – das scheint nämlich eigentlich keiner zu tun. Hier ein paar nützliche Links.
Zunächst: Sarrazin ist ja ausgesprochener Philosemit. Er glaub offenbar – wie viele andere auch, dass Juden grundsätzlich cleverer sind als andere Menschen – was ihn nicht unbedingt sympathischer macht, teilt er diese Ansicht doch mit genuinen Antisemiten. Das perfide am Judenhass im Vergleich zu anderen Ismen ist ja, dass er seinem Feindbild nicht unterstellt, primitiv zu sein, sondern überlegen (und bösartig).
Komplett aus der Luft gegriffen ist sein Satz über Gene nicht: Was Sarazzin wohl meint und so unglaublich platt ausdrückt, sind Studien in der Populargenetik, die gerade in Israel auf großes Interesse stoßen. Die Untersuchung der Verteilung von Genen und Haplogruppen ist faszinierend, kann man so doch Migrationsbewegungen der Menschheitsgeschichte nachvollziehen, für die es keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Interessant zum Beispiel, dass es genetische Gemeinsamkeiten unter vielen -weltweit verstreut lebenden – Cohens gibt. Morgenländer, der tiefer in der Materie steckt als ich, weist in seinem lesenswerten aktuellen Beitrag darauf hin, dass genetische Gemeinsamkeit noch lange nicht in von Sarrazin behaupteten “kulturellen Eigenart” bestimmt. Er tut so, als könnten wir nicht anders – wir sidn Sklaven unserer Herkunft. Unsinn.
Genetische Indizien, die beispielsweise auf die Verwandschaft der osteuropäischen Juden, der Ashkenazi hinweisen, gibt es tatsächlich – hauptsächlich über bestimmte Krankheiten, die wesentlich häufiger auftreten als in anderen communities. Allerdings laden solche Forschungen an den scheinbaren “Eigenheiten” ethnischer Gruppen natürlich dazu ein, politisch vereinnahmt zu werden.
Trotzdem schafft Sarrazin es, seine Thesen nach Rassentheorie klingen und nach Eugenik riechen zu lassen. Das ist einfach das ihm eigene Talent.
Übrigens: Dass seine Äußerungen über Muslime in Deutschland zwar bei vielen auf automatische Zustimmung stoßen weil sie scheinbar dem “gesunden Volksempfinden” entsprechen, heißt noch lange nicht, dass sie auch wahr sind.
Aber jetzt haben sich alle wieder lieb und hören Ofra Haza:
