Would you like a cup of tea, darling?

20. Oktober 2010

Noch zwei Wochen bis zu den amerikanischen Kongresswahlen – und zur nicht mehr abzuwendenden Niederlage für Barack Obamas Demokraten im Repräsentantenhaus. Die Wahl wird der vorläufige Tiefpunkt der Rutschbahn sein, auf der sich der Präsident befindet, seit er mit Bruce Springsteen seine Amtseinführung feierte. Abgesehen davon, dass es sich aus der Opposition einfach besser mit Schmutz werfen lässt, ist der Grund für die Wiederauferstehung der Republikaner im Jahr zwei nach Bush die aggressive Tea-Party-Bewegung, deren Kandidaten und ihre bizarren Anwürfe gegen Regierung, Kultur und selbst die Geschichte der USA man gar nicht ernstnehmen würde, wenn sie nciht die gesamte republikanische Partei vor sich hertreiben würde. Weil auch sonst moderatere Konservative nur in der Aggressivität der Teebeutelwerfer eine Chance sehen, die verlorengegangene Macht zu sichern, lassen sie sich auf dieses Spiel gerne ein. Ob das Kartenhaus Tea Party im nächsten Jahr in sich zusammenfallen wird oder ob ihre Galionsfiguren, Sarah Palin und der Fernsehmoderator Glenn Beck, gemeinsam das Projekt Präsidentschaft in Angriff nehmen, sei dahingestellt. Wer die rechte Randgruppe, die so tut, als würde sie die Mitte der Gesellschaft und den common sense repräsentieren, durchschauen will, sollte ein paar Artikel lesen. Die Liste der Pflichtlektüre zur Tea Party:

Mit verleumderischen Anschuldigungen von rechts war schon Bill Clinton konfrontiert, aber dass der lunatic fringe so gut organisiert und finanzstark auftritt, hat die Demokraten von 2010 völlig auf dem falschen Fuß erwischt. Die Finanzstärke fasst sueddeutsche.de zusammen. Als einer der ersten hat der New Yorker die Verstrickung steinreicher Amerikaner in die Bewegung öffentlich gemacht – am Beispiel von Charles Koch, Chef des Konzerns Koch Industries.

Wen die Person Sarah Palin interessiert (und wen interessiert sie nicht?), dem sei der Versuch von Vanity Fair, ein Porträt der hermetisch abgeschirmten Politikerin (oder ist sie doch motivational speaker? Eine Unternehmerin ihrer selbst?) zu schreiben. Das Ergebnis ist unheimlich: Seit ihrer Wahlniederlage hat sich Palin offenbar ein kleines Netz von Vertrauten aufgebaut; wer nciht spurt, bekommt bizarre Wutusbrüche des Kontrollfreaks Palin zu spüren. Die “Frau der kleinen Leute”, als die sie sich immer gerne präsentiert, hat sich selbst in ihrer Heimat Alaska vor ihren Nachbarschaft verschanzt. Im Inneren ihrer Festung arbeitet sie an einem neuen Buch (was ihr, wie schon Going Rogue mehrere Millionen Dollar einbringen dürfte) und plant ihren Eroberungsfeldzug durch Amerika.

Nun zu Glenn Beck: Fox-Moderator, der sich selbst als “Teacher” sieht, ist vor allem deshalb so faszinierend, weil er seine Übertreibungen, Geschichtsfälschungen und paranoiden Theorien offensichtlich selbst glaubt. Ihn treibt nicht Machtgeilheit, sondern das echte Gefühl, den (weißen, christlichen, heterosexuellen) Amerikanern die “Wahrheit” über ihr Land zu erzählen. Becks Ideologie speist sich aus zwei Quellen: Der konservativen Variante des Mormonentums, zu dem der ehemalige Alkoholiker konvertiert ist, und der Tradition des aggressiven rechten Antikommunismus, wie ihn die John Birch Society seit den Kennedy-Jahren vertritt. Dieser Unfug entspricht exakt der Definition Richard J. Hofstadters vom “paranoid style in American politics” und war zwei Jahrzehntelang vergessen, bis Beck ihn über seine von Millionen gesehene Show ganz oben auf die Agenda der Rechten hob.

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